Friede auf Erden, Botschaft der Weihnachtsgeschichte

 

In Geburtsbeschreibung von Lukas verkündet der Engel den Hirten Friedens auf Erden (Lukas 2,14). Der Bischof der damaligen Pommerschen Kirche, Hans-Jürgen Abromeit, hat in seiner Weihnachtsbotschaft 2004 das Kind in der Krippe als Zeichen des Friedens gedeutet: „… Gott selbst hat sich für diesen sanften, friedlichen Weg entschieden. Das Zeichen dafür ist das Kind, der Gottessohn in der Krippe. Ein Zeichen dafür, dass an die Stelle einer Kultur der Gewalt die Kraft einer Kultur des Friedens treten kann. Davon können wir uns immer wieder inspirieren lassen.“[19]

 

Die Ankündigung des Friedens kann als Gegenbild zu den Ansprüchen des Römischen Reiches verstanden werden. Die Epoche, die der Ausweitung des Römischen Reiches auf den ganzen Mittelmeerraum folgte, gilt unter Historikern als eine relativ friedliche Phase der Geschichte dieses Imperiums und wird als Zeit der „pax romana“ bezeichnet. Aber dieser Ausdruck entsprach nur der Wahrnehmung der Mäch­tigen im damaligen Rom und der Beurteilung jener späteren Historiker, die Geschichte als Geschichte der Mächtigen verstanden und präsentiert haben. Aus der Sicht der „kleinen Leute“, und das war der allergrößte Teil der Bevölkerung von Judäa und Galiläa, stellte sich die Lage ganz anders dar. Auch diese Menschen werden es begrüßt haben, dass nach vielen Jahren der Kriege und Bürgerkriege die akute Kriegsgefahr gebannt zu sein schien. Aber sie konnten – anders als spätere Historiker – nicht wissen, dass nun eine Zeit des relativen (!) Friedens angebrochen war. Zu oft hatten sie schon erlebt, dass sich die militärischen Gewichte zwischen den Großmächten in ihrem Teil der Welt über Nacht veränderten und ein neuer Krieg begann. Und in der Tat brachen in Palästina immer wieder Gewalt und Kriege aus.

 

Wie bei der heutigen globalen „Weltordnung“ gab es auch im Römischen Reich eine ideologische Ebene der Auseinandersetzung. Die offizielle religiös verbrämte Ideologie des „Friedens“ durch Beherrschung hat Livius, ein Parteigänger des Au­gus­tus, so formuliert: „Die Himmlischen wollen, dass mein Rom Haupt der Welt sei; daher mögen die Römer die Kriegskunst pflegen, und sie sollen wissen ... dass keine menschliche Macht ihnen widerstehen kann.“[20] Der Preis der „pax romana“ war die bedingungslose Unterwerfung unter das Diktat der Mächtigen in Rom und der von ihnen eingesetzten lokalen Autoritäten. Wer sich dem nicht fügte, so erlebte es mehrfach die jüdische Bevölkerung, der wurde gnadenlos niedergemetzelt.

 

In einem Buchaufsatz aus dem Jahre 1981 hat Reiner Bohley, damals Rektor des Kirchlichen Proseminars Naumburg in der DDR, den Frieden der herrschenden Römer beschrieben: „Dieser Frieden bedeutete Gewalt gegen alle Völker, die nicht eingegliedert waren in das Reich, Gewalt gegen die Sklaven, Gewalt gegen jeden, der nicht den Nacken beugen wollte. Was doch nur auf gewaltsamer Befrie­dung beruht, soll nicht als Frieden gepriesen werden.“[21] Auch die Leute, die Jesus folgten, standen vor der Frage, wie sie sich gegenüber dieser globalen Macht verhalten soll­ten. In der zugespitzten Zeit des Wirkens Jesu war ein Ausweichen vor einer Posi­tions­bestimmung und Parteinahme nicht möglich.

 

Dorothee Sölle hat 1990 in einer Bibelauslegung der Weihnachtsgeschichte bekannt: „Ich begriff reichlich spät, was die Gewaltherrschaft des Imperium Romanum für die Leute in den unterworfenen Provinzen wirklich bedeutete. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich ahnungslos an meinen humanistischen Illusionen über die pax romana fest, ich hielt sie für eine Art Rechtsstaat plus weltoffenem Handelssystem und grandioser Architektur. Ich hatte Geschichte nur mit der Brille der Sie­ger zu lesen gelernt. Dass die pax Christi gerade denen gilt, die von der pax roma­na nichts zu erwarten hatten, gab mir einen neuen Schlüssel für die Weihnachtsge­schichte wie für das ganze Neue Testament.“[22]

 

Wir müssen uns bewusst sein, dass in der Zeit, als das Lukasevangelium verfasst wurde, von dem „römischen Frieden“ kaum noch etwas übrig geblieben war. Der jüdische Aufstand war brutal niedergeschlagen und der Tempel in Jerusalem im Jahre 70 zerstört worden. Auch andernorts im Römischen Reich kam es immer wieder zu Kämpfen. Der evangelische Theologe Jörg Zink schrieb zur Friedenssehnsucht an­gesichts des Unfriedens in der Welt: „Das Wort vom ‚Frieden’ war zur Zeit des Lukas noch aktueller als zu der Zeit der Geburt Jesu. Es war nicht eine stille Hoff­nung, die sich darin ausdrückte, es war der Verzweiflungsschrei jener Epoche, in der Lukas sein Evangelium schrieb.“[23]

 

Dem „Frieden“ der Mächtigen wurde von Jesus die Hoffnung und Erwartung eines wirklichen Friedens entgegengestellt. Das hat das bra­si­lianische „Zentrum für biblische Studien“ („Centro des Estudos Biblicos – CEBI“) Mitte der 1990er Jahre in einem Arbeitsheft „Zur Ökonomie des Gottesrei­ches“ so herausgestellt: „Die Engel verkündigen ‚Friede auf Erden den Menschen, die Gott liebt!’. Das Wort Frieden hat eine große Bedeutung. Für die Bibel bedeutet Frieden harmonische zwischenmensch­liche Beziehungen, die aus einer gerechten, geschwisterlichen Gesellschaft hervorgehen. Ein solcher Frieden widerspricht der Pax Romana, dem obersten Ziel der Kaiser von gestern und heute. Ihre Art von ‚imperialem Frieden’ ist nur ein Friede für die Paläste. Für die Hütten bedeutet er Versklavung, Unterdrückung und Massaker … Der wahrhaftige Frieden kann nur aus dem Zusammenleben von Menschen hervorgehen, die sich von Gott geliebt wis­sen und deshalb an einer Gesellschaft arbeiten, in der Gott erfahren werden kann.“[24]

 

Ein friedliches Weihnachten mitten in einem brutalen Krieg

 

Manchmal entsteht auf wunderbare Weise Frieden und sei es nur ein Frieden für kurze Zeit. „Wie zwei blutrünstige Monster liegen sich die Armeen gegenüber. Längst schon ist die Kriegseuphorie der ersten Tage verflogen – und jeder Gedanke an ein rasches Ende, alle Hoffnungen auf einen baldigen Sieg, sind auf beiden Seiten im Kanonendonner verklungen.“[25] Mit diesen Worten hat Pastor Richard Hölck in einer Weihnachtspredigt in der Christuskirche in Hamburg-Wandsbek 2003 die Situation in der Weihnachtszeit 1914 an der Westfront beschrieben. Aber dann erklang irgend­wo an der Front in Flandern auf deutscher Seite das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht!“. Die Soldaten in den Schützengräben auf der anderen Seite hörten das Lied, ließen sich davon berühren, und bald wurden auf beiden Seiten Kerzen angezündet und Schilder mit Aufschriften wie „Frohe Weihnacht“ und „Merry Christmas“ hochgehalten, auch das Schild „we not fight – you not fight“.

 

Was dann geschah, hat Pastor Hölck in seiner Weihnachtspredigt so geschildert: „Es ist die Geschichte von dem kleinen Frieden im großen Krieg. Die Soldaten legen plötzlich auf beiden Seiten ihre Waffen nieder. Erst zögerlich, dann immer be­wuss­ter. Am Tage zuvor haben sie noch um jeden Zentimeter Boden gekämpft, mit ihrem Blut die Erde getränkt – nun treffen sich die Soldaten friedlich und freundschaftlich im Niemandsland.“[26] Die Soldaten sangen Weihnachtslieder und feierten gemeinsam Weih­nachten, beer­digten zusammen die Toten, erzählten sich von der Heimat und den Familien. „Ein unglaublicher Friede. Ein Wunder der Neuzeit. Wie eine Illusion, ein großer Traum der Menschheitsgeschichte, der einmal nur in der Geschichte aller Kriege in Erfüllung ging und Wirklichkeit wurde. Als hätte Gott selbst seine Hand im Spiel gehabt – und vielleicht war es auch so.“[27]

 

Das Wunder dauerte nur einige wenige Tage. Die Heeresleitungen auf beiden Seiten waren über diesen weihnachtlichen Frieden aufs Höchste beunruhigt, drohten mit Er­­­schießungen und zwangen die Soldaten, wieder gegeneinander zu kämpfen. Beim Weih­nachtsfest 1915 wurde mit der Todesstrafe für alle gedroht, die sich mit den Feinden verbrüdern würden. Diesmal blieb das Weihnachtswunder aus. Es wurde weiter geschossen und weiter gestorben. Der Friede auf Erden, mit Heeresleitun­gen ist er nicht zu erreichen. Der Historiker Michael Jürgs hat in dem Buch „Der kleine Frieden im großen Krieg“[28] die Geschichte von dem wunderbaren Frieden über die Schützengräben hinweg und seine brutale Beendigung beschrie­ben. Das „Wunder von Flandern“ ist in die Geschichte eingegangen, als überzeu­gen­des Beispiel dafür, dass die Verkündigung der Engel vom Frieden auf Erden in unseren Tagen Wirklichkeit werden kann.

 

Auch im Süden der Welt, wo häufig Krieg und Bürgerkrieg das Leben noch schwieriger machen, ist die Friedensbotschaft in Lukas Weihnachtsgeschichte in besonderer Weise eine Hoffnungsgeschichte und eine Geschichte des Vertrauens auf Gott. Joy Evelyn Abdul-Mohan, Pastorin der Presbyterianischen Kirche in Trinidad und Tobago, hat diese Gedanken zum Frieden auf Erden formuliert: „Wir Menschen können wahren Frieden nicht so herstellen, wie wir Waren und Rohstoffe herstellen. Die einzige Macht, die wahren Frieden schaffen kann, ist Gott. Daher rufen wir nach einem tieferen und dauerhafteren Frieden. Den haben die Engel verkündet, einen Frieden, den die Welt nicht geben kann und den die Welt nicht wegnehmen kann. Ein Frieden des Verstandes und der Seele, der nur möglich wird durch den Messias, den Heiland Jesus Christus … Die Suche nach wahrem Frieden beginnt in jedem einzelnen Menschen. Wenn solcher Frieden im Leben jedes Einzelnen zu Hause ist, dann kann Hoffnung entstehen für Frieden unter allen Menschen in der Welt, besonders unter denen, die marginalisiert und zerbrochen sind.“[29]

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

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[19] Hans-Jürgen Abromeit: Gott will eine Kultur des Friedens, Weihnachtsbotschaft 2004, zu finden auf der Website www.kirche-mv.de

[20] Zitiert nach: Klaus Schmidt: Welche Weltordnung? Die Pax Romana aus der Sicht ihrer Nutznießer und Opfer, Junge Kirche, 4/92, S. 209

[21] Reiner Bohley: Verwandlung von Furcht in Freude, in: Walter Jens: Frieden, Stuttgart 1988, S. 165

[22] Dorothee Sölle, Sozialgeschichtliche Bibelauslegung zum Weihnachtsevangelium, Junge Kirche, 11/1990, S. 640

[23] Jörg Zink: Zwölf Nächte, a.a.O., S. 81

[24] Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Kapital, Lateinamerikanische Bibelwerkstatt zur Ökonomie des Gottesreiches, Berichte-Dokumente-Kommentare der Missionszentrale der Franziskaner, Nr. 97, 2005, S. 28f.

[25] Richard Hölck: Predigt über Jesaja 9,1, Hamburg, 24.12.2003, zu finden in der Predigtdatenbank von www.predigtpreis.de

[26] Ebenda

[27] Ebenda

[28] Michael Jürgs: Der kleine Frieden im großen Krieg, Gütersloh 2003, 352 S.

 

[29] Joy Evelyn Abdul-Mohan: The longing of humanity and the peace of God, Reformed World, 1/2003, S. 12f.