Mittelalterliches Fresco über den Kindermord in der Kirche von Tingsted/Dänemark
Mittelalterliches Fresco über den Kindermord in der Kirche von Tingsted/Dänemark Foto: iStock.com/stigalenas

Kindermord von Bethlehem

 

Matthäus 2,16-18 Bibeltext

 

Als Herodes merkte, lesen wir bei Matthäus, dass die Weisen nicht zurückkehr­ten, gab er den Befehl, alle Kinder bis zum Alter von zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung zu töten. In der Kirchengeschichte haben sich Theologen und Gläubige immer wieder gefragt, warum der Stern den Magiern nicht den direkten Weg nach Bethlehem gewiesen hat, dann wären die Begegnung mit dem Tyrannen und der spätere Kindermord vermieden worden.[1] War dieser Irrtum für den Tod unschuldiger Kinder verantwortlich? Der katholische Neutestamentler Rudolf Pesch hat erste Erklärungsversuche der jungen Christenheit beschrieben: „… behalfen sich die Kirchenväter mit der Auskunft, aus den unschuldigen Kindern wäre ohnehin nichts Gutes geworden – so Johannes Chrysostomus, der freilich damit wenig Zustimmung fand –, oder sie seien als unschuldige Märtyrer am Leiden Christi beteiligt worden (so Leo der Große und Cypriam). Waren sie vorbildliche Märtyrer geworden, hinderte auch kaum noch etwas, ihre Zahl bis zu 14.000 Kindern in der byzantinischen Tradition oder gar bis zu 64.000 in der syrischen Tradition zu steigern.“[2]

 

Mit Marlis Gielen, katholischer Professorin für Neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Salzburg und Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Katholischen Bibelwerks, können wir davon ausgehen, dass „der bethlehemitische Kindermord mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen historischen Haftpunkt“[3] hat. Die Theologin erläutert: „Eine historische bzw. historisierende Lektüre der Kindheitsgeschichte Jesu in den Evangelien greift zu kurz, ja sie verstellt sogar das Verständnis für ihre theologische Aussageabsicht. Diese aber erschließt sich erst vom Ende her, also im Licht der Osterbotschaft von der Aufer­ste­hung des Gekreuzigten.“[4]

 

Manuel Vogel schreibt in seinem ausführlichen und fundierten Herodes-Buch, die Frage, ob in Bethlehem sämtliche Knaben bis zum Al­ter von zwei Jahren getötet wurden: „… muss nach Abwägung sämtlicher Argumen­te verneint werden. Der Kindermord von Bethlehem ist vielmehr Teil einer legen­da­rischen Ausgestaltung der Kindheit Jesu, die durch die Herodesgestalt eine histo­risierende Einkleidung erhält.“[5] Und die evangelische Pfarrerin Kerstin Hei­brock aus Bad Lippspringe hat Weihnachten 2004 in einer Predigt erläutert: „Hero­des hat keine Kinder töten las­sen. In diesem Fall ist er unschuldig. Es ist nur eine Ge­schichte. Wir können auf­atmen: Es ist alles nicht wahr. Die Kinder blieben am Leben. Der Kindermord zu Bethlehem ist kein historisches Ereignis.“[6] Sie fügte aber hinzu: „Das aber heißt nicht, dass er nie ge­schehen ist. Er ist Hunderte, vielleicht Tau­sende von Malen geschehen, quer durch die ganze Geschichte.“[7]

 

Von 1988 an hat es einen neuen Versuch gegeben, den Kinder­mord mithilfe archäologischer Funde doch noch als historisches Ereignis zu belegen. In den früheren Hafenanlagen der Stadt Ashkelon wurden Hunderte Skelette von Neugeborenen gefunden und sofort die Behauptung aufgestellt, dies könnten die Knochen der auf Veranlassung von Herodes ermordeten Kinder von Bethlehem und Umgebung sein. Aber nähere Untersuchungen bewiesen überzeugend das Gegenteil. Die Skelette stammen aus dem dritten Jahrhundert, die Säuglinge wiesen keine Ge­waltspuren auf und es waren Knochen sowohl von Mädchen als auch von Jungen. Dies ist ein Beispiel dafür, was für einen schlechten Dienst man der christlichen Botschaft und der christlichen Kirche leistet, wenn man vorschnell überall Beweise oder historische Zeugnisse dafür zu finden meint, dass alle biblischen Geschichten historisch so stattgefunden haben.

 

Hoffnung jenseits der Gewalt

 

Die brutalste Geschichte des Neuen Testaments wird von Matthäus in Vers 18 in Verbin­dung gebracht mit einem Zitat aus dem Buch Jeremia im 31. Kapitel: „In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.“ Der Grundduktus dieses Jeremiatextes ist, was man aus dem kurzen Zitat nicht erahnen kann, ausgesprochen positiv. Es geht um die Verheißung des neuen Bundes. Eine solche Verheißung hatte das Volk Israel auch bitter nötig, denn zur Zeit von Jeremia sah es sich umringt von Feinden, das Nordreich wurde von Feinden erobert und dann auch das Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Jeremia sagte dieses Unheil vor­aus, fand aber kein Gehör, bis es zu spät ist.

 

Dann, nachdem viele Bewohner von Jerusalem nach Babylon verschleppt waren, prophezeite Jeremia eine neue, bessere Zeit. Gegen allen äußeren Anschein verkündete er: „Denn so spricht der Herr: Jubelt über Jakob mit Freuden und jauchzet über das Haupt unter den Völkern. Ruft laut, rühmt und sprecht: Herr, hilf deinem Volk, dem Rest Israels!“ (Jeremia 31,7) Der Gott, der Israel zerstreut hatte, lesen wir einige Verse weiter, wird es auch wieder sammeln und hüten wie ein Hirte seine Herde. Dann folgt die­se Verheißung für das Volk Gottes: „Sie werden kommen und auf der Höhe des Zion jauchzen und vor Freude strahlen über die Gaben des Herrn, über Getreide, Wein, Öl und junge Schafe und Rinder, dass ihre Seele sein wird wie ein wasserreicher Garten und sie nicht mehr verschmachten sollen.“ (Jeremia 31,12)

 

Jeremia nahm in dem von Matthäus zitierten Vers 15 das gegenwärtige Leiden wahr und ernst. Aber, so verkündete er als Prophet Gottes, die Kinder werden zurückkommen aus dem Land des Feindes: „Deine Kinder sollen wieder in ihre Heimat kommen.“ (Vers 17). Was Jeremia und was Matthäus beschreiben, ähnelt sich darin, dass von großem Leiden berichtet wird. Bei Jeremia leidet ein ganzes Volk, bei Matthäus wer­den die kleinen Jungen eines Ortes und seiner Umgebung ermordet, was Trauer und Verzweiflung bei den Hinterbliebenen auslöst. Der Verzweiflungs­ruf von Rahel war auch angesichts des Kindermordes angebracht.

 

Das stellt die Verbindung zwi­schen beiden Geschichten her. Der große Unterschied ist allerdings, dass im Fall des Jeremiatextes eine positive Entwicklung vorhergesagt wird, die Rückkehr der Verschlepp­ten, während in Bethlehem nur die Trauer über die ermor­de­ten Söhne bleibt. Wir können das Jeremiazitat an dieser Stelle des Matthäusevan­geli­ums so verstehen, dass hier die Verzweiflung der Verwandten der ermordeten Kin­der in Worte gefasst wird und dass die brutale Tat von König Herodes mit bru­ta­len Erfahrungen des Volkes Israel in früheren Zeiten auf eine Ebene gestellt wird. Auch kann auch von Matthäus angestrebt worden sein, mit dem Zitat und seinem Kon­text ein Zeichen der Hoffnung zu setzen und daran zu erinnern, dass Gott seinem Volk treu bleibt und dass auch nach den schlimmsten Katastrophen ein Neuanfang erwartet werden kann.

 

Matthäus wollte, wird heute angenommen, mit seinem Bericht vom Kindermord auch an die alttestamentliche Geschichte über die Kindheit Mose anknüpfen. Dieser hatte die vom Pharao angeordnete Ermordung aller kleinen jüdischen Knaben überlebt, wie im Buch Exodus berichtet wird, und dann die Israeliten in die Freiheit geführt. Indem Matthäus über eine ähnliche Gewaltaktion aus der Kindheitszeit von Jesus berichtete, betonte er die herausgehobene Rolle Jesu in der Geschichte des auserwählten Volkes. Aber der brutale Kindermord zeigt auch überdeutlich, wie die Herrschaft von „Herodes dem Großen“ von den einfachen Menschen in Judäa und Galiläa erlebt wurde.

 

Für die römisch-katholische Kirche ist der 28. Dezember der Gedenktag „Tag der unschuldigen Kinder“. Diesen Gedenktag gibt es auch in vielen evangelischen Kirchen, aber er wird selten begangen. In der Kunstgeschichte war der Kindermord ein beliebtes Bildmotiv. Berühmt sind zum Beispiel die Darstellungen der niederlän­dischen Künstler Rubens und Bruegel.

 

Mord und Gewalt gegen Kinder: Auch heute vielerorts eine Realität

 

Wir müssen uns in Zusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte vor Sentimen­­talitäten hüten, warnt die anglikanische Pfarrerin Joy Carroll Wallis. Gemeinsam mit ihrem Mann Jim Wallis, einem bekannten Theologen und Buchautoren in den USA, gehört sie der Sojourner-Bewegung an, die evangelikale Glaubensüberzeugun­gen und ein konsequentes gesellschaftliches Engagement miteinander verbindet. Solche Sentimentalitäten könnten dazu führen, dass wir das Interesse an den Teilen der Geschichte verlieren, die nicht so angenehm sind: „Wir lächeln über die warme, behagliche Geburtsszene, aber haben wir jemals eine Nacht in einem Stall verbracht oder dort ein Kind zur Welt gebracht?“[8]

 

Noch weniger wollen wir uns in sentimentaler Weihnachtsstimmung mit dem realen König Herodes beschäfti­gen: „Jesus stellte die grundlegenden Machtstruk­turen seiner Zeit infrage. Herodes ließ alle männlichen Babys und Kleinkinder in Bethlehem ermorden. Das ist nicht gerade angenehm. Hier geht es um den Jesus, der die blutige Geschichte Israels und der ganzen Menschheit betrat … Jesus betrat eine Welt der ganz realen Schmerzen, der ernsthaften Fehlentwicklungen, eine Welt der Gebrochenheit und politischen Unterdrückung. Jesus wurde geboren als Ausgestoßener, als Obdachloser, als Flücht­­­ling und schließlich als Opfer der damals herrschenden Mächte.“[9]

 

Interessanterweise kam Rachel Wangen-Hoch, die als lutherische Pastorin in einer Gemeinde in Was­hington arbeitet, 2010 in einem Zeitschriftenbeitrag über den Kindermord zu sehr ähnlichen Überlegungen. Jesu Menschwerdung (Inkar­na­tion) geschah in dem gleichen Kontext ungerechtfertigten Leidens, der später zu seinem Tod führte: „Wir werden daran erinnert, dass die Inkarnation Jesu nicht da­rin besteht, dass wir ihn an einem der schönsten und friedlichsten Orte des Lebens finden – so wie wir ihn im Stall von Bethlehem auf unseren Weihnachtskarten immer wieder darstellen –, sondern unter den Leidenden, den Verletzlichen, den Ein­sa­men, den Opfern und den Sterbenden.“[10] Dieses Verständ­­nis der Mensch­wer­dung Jesu hat für die lutherische Pastorin Konse­quen­zen und stellt die Gemeinden vor die Aufgaben der Solidarität und Versöhnung, und zwar sowohl für die Mitmen­schen als auch für die Schöpfung.

 

Pastorin Margarita Lais Torun aus der argentinischen Waldenserkirche hat sich in einer Bibelarbeit über den Kindermord mit der Frage beschäftigt, wie Systeme mit ihren Opfern umgehen. Es ist nicht zu übersehen, dass in diese Überlegungen die Erfahrungen während der Militärdiktatur in Argentinien einfließen: „In Herodes Tagen und in unseren Tagen sehen manche die Opfer als Gefahr an, eine öffentliche Bedrohung. Es ist deutlich im biblischen Text, dass dies eine Reaktion derer ist, die sich dem verweigern, was in Jesus sichtbar wird. Aber heute sind die Dinge schwerer durchschaubar. Wir erkennen nicht immer die grausame Strategie der Mächtigen, die ihre Opfer beschuldigen oder aber versuchen, sie aus dem Blickfeld und dem Bewusstsein verschwinden zu lassen.“[11]

 

Dorothea Wendebourg, Theologieprofessorin an der Humboldt-Universität in Berlin, hat im Januar 2012 in einer Predigt über heutige Kindermorde gesagt: „Sol­che Szenen gibt es, wie wir alle wissen, nicht nur in Literatur und Kunst. Der Bür­ger­krieg in Ruanda wütete unter kleinen Kindern mit besonderer Grausamkeit. KZ-Wächter im Dritten Reich machten sich einen Spaß daraus, Säuglinge an die Wand zu klatschen. Und auch aus der Antike sind solche Massaker überliefert.“[12] In der Welt, in der wir leben, ist die Theologin überzeugt, gehören Massaker zur Realität, „hier bestimmen Leid, Schmerz, Trauer die Tage unzähliger Menschen“.[13] 

 

Der Kindermord von Bethlehem und die brutale Herrschaft der Habsburger

 

In der Kunstgeschichte war der Kindermord ein beliebtes Bildmotiv. Berühmt sind zum Beispiel die Darstellungen der niederlän­dischen Künstler Rubens und Bruegel. Die Gleichsetzung von Gräueln in neutestamentlicher Zeit mit den Verbrechern zu Lebzeiten Pieter Bruegels in den Niederlanden ist deutlich auf dem Gemälde „Der Bethlehemitische Kindermord“ zu erkennen, das etwa 1565 entstand. Aus den Soldaten von König Herodes sind hier spanische Soldaten geworden, befehligt von einem Reiter mit weißem Bart und schwarzen Mantel. Bruegels Zeitgenossen konnten in diesem Heerführer unschwer den verhassten Herzog Alba erkennen.

 

Die Soldaten wüten im Dorf, brechen Häuser auf und kennen keine Gnade. Dass das Haus, in das gerade die Soldaten gewaltsam eindringen, mit einem Stern geschmückt ist, verweist darauf, dass die Geburtsgeschichte Jesu untrennbar mit diesem Gewaltexzess der politisch Mächtigen zusam­menhängt – genauer gesagt, dass der in der Ge­burtsgeschichte verkündete Frieden den Gegensatz bildet zu der Gewalt der weltlichen Herrscher. Jörg Zink schreibt in seinem Buch „Geburt im Schnee“ über dieses Gemälde: „Auch dieses Beth­lehem liegt nicht nur im Heiligen Land, sondern auch in Flandern und anderswo auf diesem Erdball.“

 

Die Gewalt der Soldaten wurde auf dem Gemälde ursprünglich sehr viel drastischer dargestellt, so beugte sich zum Beispiel eine Frau über ein erstochenes Kind. Aber das war vor der Odyssee des Gemäldes. Es wechselte mehrfach den Besitzer und wurde kreuz und quer durch Europa gebracht. 1620 befand es sich ausge­rech­net im Besitz des Habsburger Kaisers Rudolf II. Dem katholischen Herrscher pass­te die politische Ausrichtung des Gemäldes nicht, vielleicht auch nicht die drastische Darstellung des Kindermordes. Deshalb ließ er es übermalen und entschär­fen. Aus dem Kindermord wurde die Plünderung eines Dorfes. Stoffe, Käse und Schinken sowie Gänse und Schwäne ersetzten die ermordeten oder bedrohten Kin­der.

 

Ein Jahr später tauchte dieses verfälschte Gemälde in Prag auf. Am Ende des Dreißigjährigen Krieges nahmen es schwedische Truppen als Kriegsbeute mit in die Heimat, wo es sich 1652 in der Sammlung von Königin Christine befand. Während einer Reise nach Rom trat die Königin 1654 in Brüssel zum Katholizismus über und dankte im folgenden Jahr ab. Auf ihre Reise hatte sie verschiedene Gemälde mitgenommen, darunter auch Bruegels „Der Kindermord zu Bethlehem“.

Bei einer Zwi­schenstation in Breda in den Niederlanden verkaufte sie dieses Gemälde, und es wurde einige Jahre später vom englischen König Karl II. erworben, der während der Herrschaft Cromwells ins Ausland geflüchtet war. Die Royals nahmen das Gemälde mit zurück in ihre Heimat, wo es eine „Reise“ durch verschiedene herr­schaftliche Schlös­­ser der Windsors machte, bis es in Hamp­ton Court Palace endlich ein dauerhaftes Zuhause fand.

 

Ein Jahr, nachdem Pieter Bruegel das Gemälde von der Volkszählung abge­schlossen hatte, fiel Herzog Alba mit 60.000 Soldaten in den Niederlanden ein und richtete ein Blutbad an. Der Maler hat zwei Jahre der Schreckensherrschaft von Herzog Alba miterlebt, bevor er 1569 starb. Er hat auf sehr beeindruckende Weise in mehreren Gemälden gezeigt, dass die biblischen Geschichten von der Geburt Jesu nicht nur in einer längst vergangenen Zeit handeln, sondern dass die brutale Gewalt der römischen Besatzer und des von ihnen eingesetzten Königs Herodes sich wiederholt haben in der Brutalität zeitgenössischer Herrscher.

 

Mord und Gewalt gegen Kinder: Auch heute vielerorts eine Realität

 

Wir müssen uns in Zusammenhang mit der Weihnachtsgeschichte vor Sentimen­­talitäten hüten, warnt die anglikanische Pfarrerin Joy Carroll Wallis. Gemeinsam mit ihrem Mann Jim Wallis, einem bekannten Theologen und Buchautoren in den USA, gehört sie der Sojourner-Bewegung an, die evangelikale Glaubensüberzeugun­gen und ein konsequentes gesellschaftliches Engagement miteinander verbindet. Solche Sentimentalitäten könnten dazu führen, dass wir das Interesse an den Teilen der Geschichte verlieren, die nicht so angenehm sind: „Wir lächeln über die warme, behagliche Geburtsszene, aber haben wir jemals eine Nacht in einem Stall verbracht oder dort ein Kind zur Welt gebracht?“

 

Zum Kindermord schreibt sie: „Jesus betrat eine Welt der ganz realen Schmerzen, der ernsthaften Fehlentwicklungen, eine Welt der Gebrochenheit und politischen Unterdrückung. Jesus wurde geboren als Ausgestoßener, als Obdachloser, als Flücht­­­ling und schließlich als Opfer der damals herrschenden Mächte.“

 

Rachel Wangen-Hoch kam 2010, als sie als lutherische Pastorin in einer Gemeinde in Was­hington tätig war, in einem Beitrag im „Journal of Lutheran Ethics“ über den Kindermord zu sehr ähnlichen Überlegungen. Jesu Menschwerdung (Inkar­na­tion) geschah in dem gleichen Kontext ungerechtfertigten Leidens, der später zu seinem Tod führte: „Wir werden daran erinnert, dass die Inkarnation Jesu nicht da­rin besteht, dass wir ihn an einem der schönsten und friedlichsten Orte des Lebens finden – so wie wir ihn im Stall von Bethlehem auf unseren Weihnachtskarten immer wieder darstellen –, sondern unter den Leidenden, den Verletzlichen, den Ein­sa­men, den Opfern und den Sterbenden.“ Dieses Verständ­­nis der Mensch­wer­dung Jesu hat für die lutherische Pastorin Konse­quen­zen und stellt die Gemeinden vor die Aufgaben der Solidarität und Versöhnung, und zwar sowohl für die Mitmen­schen als auch für die Schöpfung.

 

Pastorin Margarita Lais Torun aus der argentinischen Waldenserkirche hat sich in einer Bibelarbeit über den Kindermord mit der Frage beschäftigt, wie Systeme mit ihren Opfern umgehen. Es ist nicht zu übersehen, dass in diese Überlegungen die Erfahrungen während der Militärdiktatur in Argentinien einfließen: „In Herodes Tagen und in unseren Tagen sehen manche die Opfer als Gefahr an, eine öffentliche Bedrohung. Es ist deutlich im biblischen Text, dass dies eine Reaktion derer ist, die sich dem verweigern, was in Jesus sichtbar wird. Aber heute sind die Dinge schwerer durchschaubar. Wir erkennen nicht immer die grausame Strategie der Mächtigen, die ihre Opfer beschuldigen oder aber versuchen, sie aus dem Blickfeld und dem Bewusstsein verschwinden zu lassen.“ (Reformed World, 1/2003, S. 15)

 

Es ist erforderlich, an dieser Stelle den Begriff der „strukturellen Gewalt“ einzuführen, also der Gewalt, die darin besteht, dass Menschen zu Opfern von politischen und ökonomischen Unrechtsstrukturen werden und ihnen die Befriedigung ihrer grundlegenden Bedürfnisse verwehrt wird und nicht selten ihr Leben bedroht wird. Ein Weltwirtschaftssystem, das dazu führt, dass die von armen Ländern exportierten Rohstoffe wie zum Beispiel Kakao nur sehr niedrige Preise erzielen, während Fertigprodukte teuer sind und die Spekulation mit diesen Gütern ausgesprochen lukrativ ist, erschwert jeden Versuch, Elend und Tod von Kindern in diesen armen Ländern deutlich zu vermindern.

 

Es fehlt den betroffenen Ländern häufig an Finanzmitteln für die angemessene gesundheitliche Betreuung von werdenden Müttern, für eine Begleitung von Geburten durch medizinisches Fachpersonal, für die kinderärztliche Betreuung, für eine ausreichende Ernährung vieler Mütter und Kinder … Die Globalisierungsprozesse der letzten Jahrzehnte, die auch auf der Ideologie des „schlanken Staates“ fußen, haben diese Probleme in vielen armen Ländern noch verschärft. Wer sich also zum Beispiel über billige Schokolade freut oder in Rohstofffonds investieren will, sollte sich vorher mit den Mechanismen dieses Handels und Wirkungen der Rohstoffspekulation in armen Ländern beschäftigen.

 

Hier muss ein zweiter Faktor angefügt werden: die Verantwortung der einheimischen politischen und ökonomischen Führungsschichten in vielen wirtschaftlich armen Ländern. Sie plündern skrupellos die Staatsfinanzen und eignen sich einen beträchtlichen Teil der Exporterlöse an, letztes besonders in Ländern, die über wertvolle mineralische Rohstoffe oder Öl verfügen. Auch manche Entwicklungsgelder werden zweckentfremdet oder genauer gesagt für den Zweck eingesetzt, die Konten von Despoten und ihrer Führungsschicht zu füllen.

 

Es hat lange gedauert, bis Länder wie die Schweiz sich dem Problem gestellt haben, dass ihre Banken glänzende Geschäfte mit denen machen, die die Bevölkerung ihrer Länder ausplündern und die Finanzmittel rauben, die etwa die Mütter- und Kleinkindersterblichkeit drastisch reduzieren könnten. Die Folge: Nach UNICEF-Angaben sterben von 1.000 Kindern, die lebend geboren werden, im weltweiten Durchschnitt 38 vor ihrem fünften Geburtstag, aber 76 in Subsahara-Afrika.

Erst die Kombination von krasser Benachteiligung vieler armer Länder in der Weltwirtschaft und skrupellosen einheimischen Führungsschichten hat die tödlichen Auswirkungen, die hohe Kindersterblichkeit in wirtschaftlich armen und benachteiligten Staaten. In diesem Zusammenhang darf nicht verschwiegen werden, wie eng miteinander vernetzt lokale Führungsschichten und die Verantwortlichen mancher internationalen Konzerne und Banken zum gemeinsamen Vorteil sind, auch wenn es in vielen Einzelfällen durchaus unterschiedliche Interessen gibt.

 

Hoffnungszeichen und Aufgaben

 

Aber es gibt Hoffnung, zeigt ein Bericht auf der Website von UNICEF in Deutschland (Stand Januar 2020): „Die Kindersterblichkeit hat sich seit 1990 mehr als halbiert, von 12,5 Millionen Kindern unter fünf (1990) auf 5,2 Millionen Kinder unter fünf (2019). Damit ist die Sterblichkeitsrate bei Kindern auf einem Tiefstand. 85 Nationen, darunter auch vielen ärmeren Ländern, ist es gelungen, die Kindersterblichkeitsrate in ihrem Land seit 1990 um zwei Drittel zu senken. Dazu gehören zum Beispiel Äthiopien, Eritrea, Malawi, Mosambik, Nepal, Niger, Ruanda, Uganda und Tansania …

 

Dazu beigetragen haben bessere Gesundheitssysteme mit besserem Zugang zu Medikamenten, bessere Nahrung, Trinkwasser- und Sanitärversorgung und ebenso einfache wie wirksame vorbeugende Maßnahmen, zum Beispiel Moskitonetze zum Schutz vor Malaria und Impfungen zum Schutz vor gefährlichen Krankheiten wie Polio, Tetanus oder Masern.“ Kindersterblichkeit: Warum sterben eigentlich Kinder? (unicef.de)

 

Damit diese Erfolge erhalten und ausgebaut werden, muss sowohl das Engagement für die UN-Millenniumsziele erhöht werden und ebenso sind Veränderungen von nationalen und globalen Wirtschafts- und Politikstrukturen erforderlich, die Verarmung und Kindersterblichkeit verstärken. Auch ist eine globale Friedenspolitik und Rüstungsexportrestriktion notwendig, werden doch jedes Jahr viele Tausend Kinder in Kriegen und Bürgerkriegen ermordet.

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann

 

 



[1] Vgl. zum Beispiel Rudolf Pesch: Die matthäische Weihnachtsgeschichte, Paderborn 2009, S. 58

[2] Ebenda, S. 59

[3] Marlis Gielen: Geburt und Kindheit Jesu, Stuttgart 2008, S. 53

[4] Ebenda

[5] Manuel Vogel: Herodes, Leipzig 2002, S 327

[6] Kerstin Heibrock: Kein Weihnachtsevangelium mehr? Predigt zu Matthäus 2,13-18, auf www.evkirchebadlippspringe.de/predgten

[7] Ebenda

[8] Joy Carroll Wallis, Putting Herod back into Christmas, Sojomail, 22.12.2004, auf http://sojo.net

[9] Ebenda

[10] Rachel Wangen-Hoch: Incarnation and the Holy Innocents, Journal of Lutheran Ethics, Dezember 2010

[11] Margarita Lais Tourn: When wailing and loud lamentation is prophecy, Reformed World, 1/2003, S. 15

[12] Dorothea Wendebourg: Predigt über Matthäus 2,12.16-18, Berliner Dom, 22.1.2012, auf www.berlinerdom.de

[13] Ebenda